sommerfrischekunst badgastein 2015

 

Einen Monat Sommer.Frische.Kunst
Als ich Anfang Juli zur sommerfrischen Kunst nach Bad Gastein komme,
weiß ich noch nicht wirklich was mich erwartet.
Ich bekomme ein ehemaligen Souvenirshop mit 2 grossen
Fensterauslagen… die Wände etwas komisch gefärbt… die Aussicht ein
Traum. Weil ich keine Souvenirs verkaufe, schneide ich aus pinkem Klebeband
die Schrift Atelier johanna finckh aus und befestige sie über die
alte… schaut poppig aus… es kann los gehen.
Im Atelier auf der Kaiserpromenade fällt das arbeiten leicht. Jeden
Tag kommt etwas in die Auslage und ich freue mich bei dem Gedanken,
dass Leute regelmäßig vorbei gehen und immer wieder etwas Neues
vorfinden. Die erste Arbeit „zwischendrin“ ist noch stark an Wien gebunden… ich
verwende ein Foto aus der Wiener U-Bahn… es geht um Migration,
Entwurzelung… es ist ein trauriges Bild und irgendwie doch nicht
ganz so weit weg von Bad Gastein, da grade in den letzten Wochen das
ein diskutiertes Thema geworden ist.
Auch die anderen Künstler sind in Bad Gastein angekommen… wir essen
zusammen sehr elegant und lecker im Haus Hirt und lernen einander
kennen… Ich fühl mich ein bischen wie ein Künstler- Superstar… bin
aufgeregt und mein Kopf voller Ideen.
Nun fange ich so richtig an…
Ein Schild mit der Aufschrift „ortskundige Gasteiner für
künstlerische Zusammenarbeit gesucht“ soll die ortsansässigen in
mein Atelier bringen. Schon nach dem ersten Interview weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin…
Auf die Frage hin: „was siehst du in diesem Berg?“ Geht eine Suche
nach Bekanntem und Vertrautem los. Die Ergebnisse mit Tusche auf die
Fotoradierungen aufgeschrieben sind sehr spannend und persönlich.
Ich lerne die Namen der Berge und Geschichten über diese kennen.
Jedes Foto gewinnt durch die Gedanken, Assoziationen und Emotionen
an Bedeutung und durch diese Interviews bekommen die Bilder ihre
Namen.
Teilweise lustig, beindruckend und fesselnd öffnen sich die
interviewten und erzählen mir über ihre Berge.
Diese Zusammenarbeit und Involvierung der Gasteiner in meinen
Arbeitsprozess macht es mir möglich deren Identität besser zu
verstehen und bezieht sie auf der anderen Seite in meine Arbeit auf
eine weise ein die sie diese besser verstehen lässt.
Nach dem diese emotionalen Landkarte fertig sind, geht es recht
schnell… ich übertrage alles geschriebene auf hauchdünnes
Japanpapier und fahre damit in meine Druckerwerkstatt nach Wien.
Die Stadt, heiß, laut und voll trifft mich wie ein Schlag.
In meiner Werkstatt collagiere ich die beschriebenen Japanpapiere
auf feuchtes Büttenpapier und drucke mit Ölfarbe das Bergfoto
darüber.
Es ist eine Präzisionsarbeit bei der vieles schief gehen kann und
ich bin glücklich am Abend mit ölverschmierten Händen und meinen 6
neuen Bildern unterm Arm ins kühle Gasteinertal zurückkehren zu
können!
Nun ist das Gesagte und Geschriebene im Foto enthalten.
Genauso wie für jeden Gasteiner ein Berg nicht einfach nur ein Berg
ist, merke ich dass auch für mich die abgebildeten Berge an
Bedeutung gewonnen haben und mir nun bei ihrem Anblick vieles
vertraut vorkommt.
Meine Assoziation zu den Bergen ist und bleibt: schlafende
Riesen. Einmal angefangen sehe ich in jedem Berg ein menschliches
Profil und stelle mir den ruhenden Giganten träumend und
moosbewachsen vor. In der Hoffnung, dass diese Riesen nicht durch etwas geweckt werden, gehe ich persönlich,schon aus diesem Grund, sehr behutsam mit ihnen
um. Nun liegen meine Bilder im Atelier und trocknen.
Doch noch bin ich nicht fertig. Eine Vision schwebt mir noch vor:
Wurzeln – verwurzelt – entwurzelt. Ich will einen Wald aus Wurzeln
erschaffen durch den man spazieren kann um sich über Ursprung
Migration Heimat vieles mehr oder einfach gar nichts Gedanken zu
machen.. Ich fange an am Weg zum Atelier Gräser und kleine Pflanzen
auszureissen um ihre Wurzeln zu finden und „pflanze“ diese in eine
Kugel aus Lehm verkehrt herum wieder ein. Die erste Verknüpfung für
den Betrachter bleibt der Baum, aber er ist entfremdet und eben
verkehrt. Jede Nacht grabe ich nun grössere Wurzeln aus und je grösser die
Wurzeln werden umso grösser die Herausforderung diese zum stehen zu
bringen. Ich arbeite mit Draht, Lehm und Steinen. Meine Hände sind nun keine
feinen Zeichnerhände mehr und die Auslage meines Ateliers wächst wie
ein Wurzelwald. Vor und im Atelier ist kaum mehr Platz vor lauter
Bäumen. So geht es weiter bis zum Ausstellungstermin. Ich bekomme
noch Raum im ehemaligen Kraftwerk, da der Regen die Installation auf
der Kaiserpromenade verhindert. Im Kraftwerk werden die Wurzeln in zwei zusammenhängenden Räumen aufgestellt der erste dunkel, im 2 dringt licht durch ein Fenster, wenn der Besucher durch den eigenartigen Wald vordringt so findet er
das Bild auf einer Lichtung.
Eine schwarze Frau in der U-bahn, ihre Tochter fest an der Hand
haltend, unsicher angstvoll, entwurzelt. Um sie herum Schauplatz
verschiedener Akteure. …etwas zerrissen durch die zwei Ausstellungräume freue ich mich
daß auf diese Weise die Wurzeln 2 Mal auf eine sehr andere Art und
Weise interpretiert werden können… in Verbindung mit dem Berg
suggerieren sie die Verwurzelung,die Gasteiner Wurzeln.
Zusammen mit dem Bild „zwischendrin“ die Entwurzelung.
Auf der Kaiser Promenade sind die Bergbilder ausgestellt…ein paar
verwurzelte Wurzeln sind in der Auslage geblieben.
Es gibt Berge die versetzt werden können in dem man sie teilweise an
einen geliebten Menschen verschickt bis dieser nach 16 Karten einen
ganzen Berg bekommen hat.
Das Kunstwochenende oder Kunstmarathon wie es von manchen genannt
wurde ist interessant aufregend und intensiv.
Ein bisschen entwurzelt fühle ich mich auch unter all den chic
gekleideten „wichtigen“ Leuten die ich kennenlerne.
Es ergeben sich dann aber doch sehr interessante und anregende
Unterhaltungen. Das Thema Geruch und Duft wird in diesen Tagen durch die
Auseinandersetzung vieler mit dem Werk von Sissel Tolaas und ihrer
Ausstellung für mich wichtig und bleibt spannend. Ich lerne Künstler und Kunstliebhaber kennen die sich um und in Gastein bewegen.
Ich habe das Gefühl, dass sich viele in meine Arbeit verliebt haben
und sich damit zum Teil identifizieren können.
Die Zeit ist sehr schnell vergangen…nzu schnell wie ich finde.
Ich gehe aus dieser Künstlerresidenz gestärkt und gewachsen hervor.
Ich weiss nun wie es ist in Gastein, das ich bisher nur als
Urlaubsort erlebt habe, zu arbeiten, und ich werde die unglaubliche
Vielfalt und Energie dieses Ortes vermissen.

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